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Improvisation - Musik als Sprache

Begriffe

Improvisation bezeichnet in der Musik: Spielen ohne vorher festzulegen, was gespielt wird. Das Gegenteil der Improvisation ist die Komposition - sie schreibt vor, was wann (und allenfalls wie) zu spielen ist. Spiele ich "Für Elise" von Beethoven, so spiele ich die von Beethoven notierten Töne - spielt ein andere Pianist "Für Elise", so spielt er dieselben Töne. Die Gestaltung variiert natürlich: Ein bestimmter Ton in "Für Elise" wird von mir vielleicht besonders leise, von einem anderen Pianisten aber besonders laut gespielt. Diese unterschiedliche Art und Weise der Gestaltung wird auch als Interpretation bezeichnet.

Interpretieren heisst eigentlich übersetzen (lat. interpretatio = Übersetzung): Der Pianist übersetzt den Notentext in klingende Musik. Da jeder Musiker nach anderen Gesichtspunkten und Prioritäten übersetzt, ergeben sich unterschiedliche Resultate.

Bei einer Improvisation liegt kein Notentext vor, dem der ausführende Musiker folgen kann. In der Praxis werden aber häufig spezifische Einzelheiten im voraus festgelegt - insbesondere wenn mehrere Musiker zusammenspielen, einigt man sich häufig vorher über Tonart und Charakter des Stücks. Im Jazz ist es üblich über sogenannte "Standards" zu improvisieren - das sind Stücke, die einen so grossen Bekanntheitsgrad erreicht haben, dass sie vielen Jazzmusikern bekannt sind. Eine Standard verfügt in der Regel über eine (meist sehr einfach gehaltene) Melodie, und einen bestimmten harmonischen Ablauf (= Akkordfolge). Damit ist bei der Improvisation eines Standards recht viel im voraus bekannt, nämlich Melodie und Harmonieverlauf - beides wird natürlich im Lauf der Improvisation variiert.

Meine Art der Improvisation

Meinen Improvisationen liegt in der Regel weder ein Standard noch sonst etwas zugrunde. Erst wenn ich mich hinsetze, um mit der Improvisation zu beginnen, lege ich einen Startpunkt fest - das ist manchmal eine kurze Melodie, manchmal ein bestimmter Akkord und manchmal auch nur ein einzelner Ton. Das Finden eines Startpunkts dauert höchstens ein paar Sekunden - ich nenne diese Zeitspanne die Startzeit. Wenn ich den Startpunkt gespielt habe, setze ich den musikalischen Gedanken fort. Das Weiterspielen geschieht dann praktisch ohne Zeitverzögerung, das heisst, in dem Moment, wo ich den Startpunkt spiele, provoziert der Höreindruck davon eine Fortsetzung, die ich sofort spiele, und die dann wieder als Höreindruck eine Fortsetzung provoziert und so weiter. So entsteht aus einem Ton eine Melodie, aus einem Klang eine Akkordfolge.

Vor Beginn der Startzeit mache ich mir keinerlei Gedanken, was als Idee auftauchen wird oder auftauchen könnte. Bei Beginn der Startzeit bin ich inhaltlich in einem leeren Raum - ich weiss noch nicht einmal, welche Art Idee gleich auftauchen wird. Alles ist möglich, mein Startpunkt kann sein:

Für mich selber bleibt der Prozess immer spannend - schon der Startpunkt kann für reichlich Überraschung sorgen. Ist der Startpunkt ein einzelner Ton ohne definierte Länge und ohne harmonischen Zusammenhang, so weiss ich in dem Moment, in dem ich diesen Ton spiele nicht einmal, in welcher Tonart ich mich befinde. Durch unzählige solcher Überraschungserlebnisse (die sich auch mitten im Stück immer wieder einstellen), habe ich ein Verständnis gewonnen für viele Vorgänge in der klassischen Musik, zum Beispiel die langsamen Einleitungen in klassischen Werken, die die Zieltonart scheinbar vermeiden (so wird es auch in manchen Theoriebüchern beschrieben und erklärt). Meine Erfahrung zeigt mir aber, dass da nichts vermieden wird, sondern: Die Musik schafft sich durch Umkreisen verschiedener Zentren gleichsam einen Boden, auf dem dann ein stabiles Harmoniegefüge installiert werden kann.

Auch Improvisation ist eine Interpretation

Man kann sich nun fragen, worauf denn eine solche Improvisation basiert. Da ich inhaltlich völlig offen bin (und manchmal selber nicht weiss, was ich da tue), könnte man auf die Idee kommen, da werde gar nichts interpretiert, diese Musik habe also keinerlei Vorlage. Das entspricht nicht meiner Wahrnehmung, und auch nicht meinem Verständnis, wie diese Prozesse ablaufen. Denn auch wenn ich inhaltlich nichts fixiere, befinde ich mich trotzdem nicht in einem luftleeren Vakuum: Ich befinde mich immer in einem bestimmten Raum, zu einer bestimmten Zeit, mit bestimmten anderen Personen und Gegenständen und in einer bestimmten mentalen und emotionalen Verfassung. Improvisiere ich in einer Hotellobby, so komme ich auf andere Ideen als bei mir zuhause; improvisiere ich am Morgen, so befinde ich mich in einer anderen Zeitqualität als am Abend; improvisiere ich im Kunstmuseum ist das ganz anders als in der Werkstatt des Klavierbauers.

Von Mensch zu Mensch

Der wichtigste Faktor beim Entstehen von Improvisationsideen ist immer der Mensch. Jede Person, die sich zum Zeitpunkt der Improvisation mit mir im gleichen Raum befindet, leistet einen substantiellen Beitrag zur Musik. Treffen zwei Menschen aufeinander, so überlagern sich ihre mentalen und emotionalen Prozesse. Dies lässt sich gut bemerken, wenn wir uns mit jemandem in einem intensiven Gespräch befinden: Die Gesprächspartner bilden als Zweiergruppe einen gegen aussen abgeschotteten Raum, und immer wieder gibt es Momente, in denen der eine weiss, was der andere denkt oder fühlt.

Auf diese Weise ist die Musik Ausdrucks eines Dialogs, der zwischen Musiker und Zuhörer stattfindet: Die Musik ist dann eine Sprache im eigentlichen Sinn des Wortes - eine Sprache, durch die eine Interaktion und ein Informationsaustausch zwischen Menschen ermöglicht wird.

Harmonisierung

Der musikalische Dialog von Mensch zu Mensch ist nicht nur Selbstzweck, obwohl man natürlich die dabei stattfindenden Prozesse einfach geniessen kann, ohne dass damit ein Nutzen verbunden sein müsste. Musiziert wird aber immer zum Zweck der Harmonisierung - und auch das Musikhören dient der Harmonisierung. Da die Musik mentale und emotionale Zustände darstellen kann, wirkt sie auf den Zuhörer als Ordner: Die Musik bringt Gedanken und Emotionen in eine bestimmte Ordnung, sie strukturiert und bahnt vor, welche Gedanken und Emotionen zu einem bestimmten Zeitpunkt aktiviert werden. Die Musik hat dabei einen weiträumigen Zugriff auf die Innenwelt des Zuhörers wie kaum eine andere Sprache - vermeintlich Vergessenes kann reaktiviert werden, Bestehendes kann eine Umdeutung und Fortsetzung erfahren, Neues kann entstehen.

Diese Prozesse geschehen weitgehend "unsichtbar" - unsere physischen Sinne haben keinen Zugriff auf diese Vorgänge. In der Regel werden nur einzelne Symptome sichtbar, die kaum je in einen grösseren Zusammenhang gestellt werden. Dazu zähle ich die Huster im Konzertpublikum, die eine physiologische Reaktion auf die inneren Prozesse sein können. Oder die Aussage von Musikern, dass bei bestimmten Gelegenheiten "der Funke übergesprungen" sei - oder ähnliche Aussagen von Konzertbesuchern.

Musik ist das griffigste Mittel, um den Menschen in seiner Gesamtheit zu erfassen, und ihm eine Weiterentwicklung zu ermöglichen - hierin liegt wohl auch der Grund, dass Musik in einer Masse konsumiert wird wie kaum ein anderes Gut (abgesehen vom Lebensnotwendigsten wie Luft, Wasser etc.): Unser Alltag ist beinah sättigend gefüllt mit CDs, mp3, Radiosendern und Hintergrundmusik.

Aus Sicht des Musikers wäre es wünschenswert, dass die Musik (wieder) den Stellenwert zugeschrieben bekommt, der ihr zusteht: Musik als wichtigstes Werkzeug zur Harmonisierung des Menschen. Dass auch bei Radiosendern, die sich qualitativ wertvoller Musik verschrieben haben, Stücke an beliebiegen Stellen ein- und ausgeblendet werden, wie es grad ins Programm vor- und nachher passt, zeigt, wie weit weg wir sind von einem Verständnis der Wirkung von Musik.

In diesem Sinne plädiere ich für eine Rückbesinnung auf das Wesentliche: Menschen spielen und hören Musik, weil es ihnen gut tut. Rücken wir dies ins Zentrum des musikalischen Schaffens, so hat das Konsequenzen dafür, wie Musikunterricht gestaltet wird, es hat Konsequenzen dafür, wie komponiert und improvisiert wird und es hat Konsequenzen dafür, unter welchen Rahmenbedingungen Musik aufgeführt wird.

Bewusst oder unbewusst

Dass Musik als Ordner wirken kann, muss nicht ein Phänomen sein, dass aus heiterem Himmel über einen kommt - das Steuern der mentalen und emotionalen Vorgänge, die hier eine Rolle spielen, kann man lernen, und eine präzise Anwendung benötigt ebenso Training und Übung wie das Musizieren selber auch. Der erste Schritt ist immer ein Akt der Bewusstwerdung: Nur das, was mir bewusst ist, kann ich absichtlich aktivieren und gezielt einsetzen.

Aus Sicht des Musikers beinhaltet dies zwei verschiedene Aspekte: Einerseits die Wahrnehmung dieser Vorgänge - dafür müssen die inneren Sinne trainiert werden. Andererseits die Steuerung: Der Musiker muss seine eigenen mentalen und emotionalen Prozesse gezielt steuern können, damit die Musik ihre optimalen ordnenden Kräfte entfalten kann.

Im Idealfall ist der/die Musiker fähig, den berühmten Funken auf Kommando springen zu lassen. Das ist durchaus machbar, allerdings hängt der Erfolg des Funkens auch noch von anderen Faktoren ab, insbesondere von Ort, Zeit und Publikum. Ein Musiker, der die entsprechenden Vorgänge beherrscht, ist aber immer im Vorteil - er kann in jeder Situation sich selber zum optimalen Werkzeug der Musik machen und so die bestmöglichen ordnenden Prozesse herstellen.